Thai Boxen - „Unter der physischen rohen Gewalt liegt Bescheidenheit“
Körperliche Härte und rituelle Elemente
„Faustschlag und Gebet gehören zusammen“, heißt es über Thailands
Nationalsport Muay Thai. Neben körperlicher Härte stehen rituelle Elemente,
was viel mit dem Ursprung des Muay Thai zu tun
hat: Thais konnten früher jederzeit zu militärischen Einsätzen verpflichtet
werden, doch das Training an den Waffen oder zur waffenlosen
Selbstverteidigung erhielten sie nicht in der Armee, sondern normaler
weise in Tempelschulen.
Muay Thai kennt fünf „Waffen“: Faust, Knie, Kick, Ellbogen, Stoß mit dem
Fuß. Alle sind gleichwertig und ein wichtiger Lehrsatz lautet: Kick verliert
gegen Faustschlag, Faust verliert gegen Knie, Knie gegen Ellbogen, Ellbogen
unterliegt Kick. Vollkontakt und körperliche Härte machen Muay Thai zu einer
der gefährlichsten Martial Arts, doch die nak muay, die Thai Boxer, bewegen
sich mit einer Präzision, Geschmeidig keit und
Schnelligkeit, die auch unglaublich ästhetisch wirken.
Magische Tätowierungen gewähren Schutz
Jedem Kampf geht ein traditionelles Ritual voran, das seine eigene
Dramaturgie und Choreografie besitzt: Bevor der nak muay den Ring betritt,
bittet er in seiner Ecke die Geister um Schutz, um den Hals trägt er eine
glückbringende Blumengirlande. Manche Boxer berühren anschließend im Ring
auf allen Seiten die Seile, um Böses zu verbannen. Diesem kurzen Auftakt
folgt der wai khru ram muay-Tanz. Der Boxer kniet ähnlich wie bei einem
Ausfallschritt nieder, formt die Hände zu zwei Tatzen, wirft die Arme nach
vorne und schaukelt dann rhythmisch vor und zurück. Anschließend simuliert
er Tritt- und Schlagkombinationen, die er später im Kampf anwenden wird. Ein
Ritual, das meditativ, elegant und tänzerisch wirkt.
Unmittelbar bevor sie sich gegenübertreten, legen die Gegner ihren
Kopfschmuck ab, eine Art geknoteter Stirnreif, in dem viele ein Amulett
bewahren, ein Haar von Vater oder Mutter oder ein Buddha-Bildnis. Andere
tragen magische Tätowierungen, um sich zu schützen. Sie sind in Thailand
recht verbreitet, wie auch Amulette und andere abergläubische Symbole. Muay
Thai spiegelt aber auch noch auf andere Weise die Alltagskultur Thailands.
Musiker begleiten jeden Kampf auf traditionellen Instrumenten (Laute und
Trommeln, Schellen) und im Publikum entlädt sich die Wettleidenschaft auf
beeindruckende Weise.
Bescheidene Sieger
Doch obwohl Muay Thai Abende volksfestähnliche Spektakel sind, ist es
nicht der Sieg, der über allem steht. Nicht einmal dabei sein ist alles.
Ohne großes Brimborium und in aller Kürze werden die Sieger verkündet,
Eitelkeit oder Prahlerei sind selten und verpönt. Der Respekt gegenüber
Tradition und Lehrern gilt am meisten, ihnen ist auch der Tanz zum
Auftakt gewidmet. „Unter der physischen rohen Gewalt liegt Bescheidenheit“,
sagen Kenner des Muay Thai und seiner Philosophie. Je beliebter Muay Thai im
Ausland wird und umso weiter sich die thailändische Kampfkunst
internationalen Wettbewerbsstandards anpasst, desto mehr droht die
Kommerzialisierung des Nationalsports.
Schon kehren manche Schulen zu den ursprünglichen, ältesten Formen zurück,
von denen sich Muay Thai seit den 1920er Jahren immer weiter entfernt hat.
Es ist eine Minderheit, doch auch wer nicht soweit zurückgehen will ist
bemüht, wesentliche Elemente der Tradition zu erhalten. Der World Muay Thai
Council schreibt z. B. vor, dass jeder, auch ausländische Muay Thai Boxer,
den rituellen wai khru ram muay-Tanz erlernen und im Ring ausführen muss.
Ein Zeichen dafür, dass der Tanz sehr viel mehr als ein folkloristisches
Anhängsel ist.
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